Ulrich Seidls radikal intimes Kinoporträt über Schuld, Verlangen und die Abgründe der menschlichen Natur – meisterhaft und kompromisslos
Vor Jahren hat es den Mittvierziger Ewald (Georg Friedrich) nach Rumänien verschlagen. Jetzt wagt er einen Neuanfang. Er verlässt seine Freundin und zieht in die verarmte, ländliche Einöde, wo er mit Jungen aus der Umgebung ein verfallenes Schulgebäude zu einer Festung ausbaut - mit dem bezeichnenden Namen "Sparta". Die Kinder entdecken dort eine Unbeschwertheit, die sie so nicht kannten. Doch der Argwohn der Dorfbewohner lässt nicht lange auf sich warten, während sich Ewald einer lange verdrängten Wahrheit eingestehen muss: sein eigenes pädophiles Begehren...
Ulrich Seidls „Sparta“ stellt das Gegenstück zu seinem Film „Rimini“ dar. Beide Filme entstanden ursprünglich als ein Projekt über zwei Brüder und wurden erst im Schnitt getrennt. Während „Rimini“ dem abgehalfterten Schlagersänger Richie Bravo folgt, erzählt „Sparta“ von dessen Bruder Ewald (Georg Friedrich), von der Unentrinnbarkeit der eigenen Vergangenheit und von dem Schmerz, sich selbst zu finden.
Seidl bleibt seiner Methode treu: frontale, streng symmetrische Tableaus, lange Einstellungen und ein Realismus zwischen Inszenierung und Dokument. Neu ist, dass er seiner Hauptfigur etwas zugesteht, das man bei ihm selten findet, nämlich Zärtlichkeit. Ewald wird weder dämonisiert noch entschuldigt. Er erscheint als Mensch, der gegen sich selbst ankämpft und in der männerbündischen Disziplin seiner „Festung“ zugleich Ersatz, Schutz und Gefahr sucht. Georg Friedrich spielt diese Zerrissenheit mit großer Zurückhaltung. Gerade das Unausgesprochene macht den Film so beklemmend.
Hinter der Einzelfigur steht, wie so oft bei Seidl, ein größeres Panorama. Es geht um das Erbe autoritärer Männlichkeit, verkörpert im dementen Vater mit seiner NS-Vergangenheit, um ein westeuropäisches Wohlstandsgefälle und um die Frage, wo Fürsorge in Übergriff kippt. Der Film verweigert die Katharsis und überlässt dem Publikum die moralische Arbeit. Das ist unbequem, aber konsequent und macht "Sparta" zu einen der reifsten und zugleich riskantesten Filme von Seidl.
"Eine komplexe Einlassung auf ein Tabuthema, die unangenehme Szenen bereithält, da der Film das Publikum ohne viel Umstände zum Mitwisser des innerlich zerrissenen, bravourös gespielten Protagonisten macht. Dabei zeigt er mit Blick auf das soziale Umfeld durchaus Empathie und eine bemerkenswert humane Perspektive." (Lexikon des Internationalen Films)
Hinweis zur problematischen Entstehungsgeschichte
Am 2. September 2022, eine Woche vor der geplanten Weltpremiere, erhob der „Spiegel“ Vorwürfe zu den Dreharbeiten in Rumänien. Eltern minderjähriger Laiendarsteller gaben an, nicht über das Thema Pädophilie informiert worden zu sein und dass ein starkes Machtgefälle am Set bestand. Toronto sagte daraufhin die Premiere ab. Zu diesem Zeitpunkt kannte die Öffentlichkeit den Film noch nicht.
Seidl wies die Vorwürfe zurück. Der Verband Filmregie Österreich warnte vor einer Vorverurteilung durch die Medien. Auch langjährige Mitarbeiter stellten sich öffentlich hinter den Regisseur. Das Österreichische Filminstitut konnte im Dezember 2022 keine vertraglichen Pflichtverletzungen feststellen und verlangte keine Fördergelder zurück. Seidl räumte allerdings selbstkritisch ein, dass er den Kontakt zu den Familien nach Drehschluss abgebrochen habe. Inzwischen hat er ihnen den Film gezeigt.
Wer den Film heute sieht, findet darin nichts Anzügliches: Die Hauptfigur wird zu keinem Zeitpunkt übergriffig. Die Debatte berührt dennoch eine legitime Frage, die sich jedem Filmemacher stellt, der mit Laien und besonders mit Kindern in solch heiklen Themenfeldern arbeitet. Wie weit reicht die Verantwortung für Aufklärung und Einwilligung? Und inwieweit kann man legitim einen Film über zerstörerische Machtgefälle drehen, die selbst während der Entstehung des Films präsent waren und ihre Wirkng entfalteten.
Vor Jahren hat es den Mittvierziger Ewald (Georg Friedrich) nach Rumänien verschlagen. Jetzt wagt er einen Neuanfang. Er verlässt seine Freundin und zieht in die verarmte, ländliche Einöde, wo er mit Jungen aus der Umgebung ein verfallenes Schulgebäude zu einer Festung ausbaut - mit dem bezeichnenden Namen "Sparta". Die Kinder entdecken dort eine Unbeschwertheit, die sie so nicht kannten. Doch der Argwohn der Dorfbewohner lässt nicht lange auf sich warten, während sich Ewald einer lange verdrängten Wahrheit eingestehen muss: sein eigenes pädophiles Begehren...
Ulrich Seidls „Sparta“ stellt das Gegenstück zu seinem Film „Rimini“ dar. Beide Filme entstanden ursprünglich als ein Projekt über zwei Brüder und wurden erst im Schnitt getrennt. Während „Rimini“ dem abgehalfterten Schlagersänger Richie Bravo folgt, erzählt „Sparta“ von dessen Bruder Ewald (Georg Friedrich), von der Unentrinnbarkeit der eigenen Vergangenheit und von dem Schmerz, sich selbst zu finden.
Seidl bleibt seiner Methode treu: frontale, streng symmetrische Tableaus, lange Einstellungen und ein Realismus zwischen Inszenierung und Dokument. Neu ist, dass er seiner Hauptfigur etwas zugesteht, das man bei ihm selten findet, nämlich Zärtlichkeit. Ewald wird weder dämonisiert noch entschuldigt. Er erscheint als Mensch, der gegen sich selbst ankämpft und in der männerbündischen Disziplin seiner „Festung“ zugleich Ersatz, Schutz und Gefahr sucht. Georg Friedrich spielt diese Zerrissenheit mit großer Zurückhaltung. Gerade das Unausgesprochene macht den Film so beklemmend.
Hinter der Einzelfigur steht, wie so oft bei Seidl, ein größeres Panorama. Es geht um das Erbe autoritärer Männlichkeit, verkörpert im dementen Vater mit seiner NS-Vergangenheit, um ein westeuropäisches Wohlstandsgefälle und um die Frage, wo Fürsorge in Übergriff kippt. Der Film verweigert die Katharsis und überlässt dem Publikum die moralische Arbeit. Das ist unbequem, aber konsequent und macht "Sparta" zu einen der reifsten und zugleich riskantesten Filme von Seidl.
"Eine komplexe Einlassung auf ein Tabuthema, die unangenehme Szenen bereithält, da der Film das Publikum ohne viel Umstände zum Mitwisser des innerlich zerrissenen, bravourös gespielten Protagonisten macht. Dabei zeigt er mit Blick auf das soziale Umfeld durchaus Empathie und eine bemerkenswert humane Perspektive." (Lexikon des Internationalen Films)
Hinweis zur problematischen Entstehungsgeschichte
Am 2. September 2022, eine Woche vor der geplanten Weltpremiere, erhob der „Spiegel“ Vorwürfe zu den Dreharbeiten in Rumänien. Eltern minderjähriger Laiendarsteller gaben an, nicht über das Thema Pädophilie informiert worden zu sein und dass ein starkes Machtgefälle am Set bestand. Toronto sagte daraufhin die Premiere ab. Zu diesem Zeitpunkt kannte die Öffentlichkeit den Film noch nicht.
Seidl wies die Vorwürfe zurück. Der Verband Filmregie Österreich warnte vor einer Vorverurteilung durch die Medien. Auch langjährige Mitarbeiter stellten sich öffentlich hinter den Regisseur. Das Österreichische Filminstitut konnte im Dezember 2022 keine vertraglichen Pflichtverletzungen feststellen und verlangte keine Fördergelder zurück. Seidl räumte allerdings selbstkritisch ein, dass er den Kontakt zu den Familien nach Drehschluss abgebrochen habe. Inzwischen hat er ihnen den Film gezeigt.
Wer den Film heute sieht, findet darin nichts Anzügliches: Die Hauptfigur wird zu keinem Zeitpunkt übergriffig. Die Debatte berührt dennoch eine legitime Frage, die sich jedem Filmemacher stellt, der mit Laien und besonders mit Kindern in solch heiklen Themenfeldern arbeitet. Wie weit reicht die Verantwortung für Aufklärung und Einwilligung? Und inwieweit kann man legitim einen Film über zerstörerische Machtgefälle drehen, die selbst während der Entstehung des Films präsent waren und ihre Wirkng entfalteten.